Johannes Brahms (1833 - 1897)
Texte zum 100. Todestag am 3. April 1997
Das Bild, das heute in der Öffentlichkeit von Johannes Brahms existiert, wirkt seltsam verschwommen. Dies trotz der physisch massiven Gestalt des Vollbartträgers. Dieses Altersbild kontrastiert eigenartig mit jenen Porträts, die wir vom Komponisten in jüngeren Jahren kennen. So zeigt ihn Carl Jagemann 1862 beim ersten Wien-Besuch schlank bartlos, mit halblangem Haar. Wie ein Spiegelbild von Jeff Bridges. Dieses widersprüchliche Persönlichkeitsbild reflektiert auch die Einschätzung seiner Musik, die den einen als stock-konservativ, den anderen als innovativ gilt. Es ist heute die Meinung vieler Sozialpsychologen, dass die Prägungen unserer Kindheit über den weiteren Lebensverlauf entscheiden.
Der Vater von Johannes Brahms, der am 7. Mai 1833 in Hamburg geboren wurde, arbeitete als Orchestermusiker (Kontrabassist) und auch als Gasthausmusikant. Die Mutter war siebzehn Jahre älter als ihr Mann. Diese Struktur beeinflusste sicher die Entwicklung des jungen Brahms, der als frühreif und sehr lebensernst beschrieben wird (Heinz Becker) und viele Jahre später (1856) eine tiefe psychische Beziehung zu Clara Schumann, der Witwe des Komponisten - um vierzehn Jahre älter als Brahms - einging. Die grosse Pianistin war wohl, nach einem Lieblingsausdruck Thomas Bernhards, sein "Lebensmensch". Das Musizieren in Gasthäusern prägte Brahms gleichermassen. Als Klavierspieler, auch in Tanzlokalen, verdiente er der Familie Brahms ein Zubrot. Mit Damen der Halbwelt soll er sich besser verstanden haben als mit Frauen aus sogenannten guten Kreisen (Harold C. Schönberg). Mit Agathe von Siebold verlobt, wollte er keine "Fesseln tragen" (so in einem Brief). In dieser ambivalenten Haltung schien er Franz Schubert nicht unähnlich und blieb Zeit seines Lebens unverheiratet.
Neben seinem Vater war der Komponist Eduard Marxsen der wichtigste Lehrer seiner frühen Jahre. Fasziniert lauschte Brahms 1850 der Musik des ungarischen Geigers Eduard Hoffmann alias Reményi. Dessen Musik sollte ihn später zu den berühmten Ungarischen Tänzen inspirieren. Mit ihm ging er 1853 auf Konzerttour und lernte den Geiger Joseph Joachim in Hannover kennen. Durch ihn kam er mit Franz Liszt und Robert Schumann in Kontakt. Liszts Musik hielt er bald für oberflächlich virtuos. Schumann zeigte sich vom jungen Brahms begeistert, pries ihn in der Neuen Zeitschrift für Musik als neuen musikalischen Abgott und gab dadurch auch Johannes Brahms' Image eine Richtung, die sich später als problematisch erweisen sollte. 1858 wurde er Musikdirektor am Fürstenhof in Detmold. Da die Konzertsaison nur Herbst- und Wintermonate umfasste, hatte er viel Zeit zum Komponieren. Bei der Postenvergabe des Leiters der Hamburger Philharmonie übergangen, wurde er für kurze Zeit Dirigent der Wiener Singakademie und der Gesellschaft der Musikfreunde und ging auf mehrjährige Konzertreise.
Seit 1878 wirkte er als freier Komponist in Wien, dirigierte kaum mehr eigene Werke und gab auch nur noch rare Proben seiner pianistischen Kunst. Aber wenn er Lust hatte, soll er noch in seinen späten Jahren, etwa in einem "anrüchigen Kaffeehaus" auf Wunsch "einer bekannten Frostituierten" (Schönberg), am Klavier Tanzmusik gespielt haben.
Der einflussreiche Wiener Musikprofessor und -Kritiker Eduard Hanslick baute Brahms zum konservativen Pol gegen die "fortschrittlichen" Richard Wagner und Anton Bruckner auf und erwies ihm damit genauso wenig einen Dienst wie früher Robert Schumann. Obwohl ihn Richard Wagner 1879 in den Bayreuther Blättern wegen angeblich traditioneller Kompositionsmethode angegriffen hatte, polemisierte Brahms nie gegen Wagner, den er für einen erstklassigen Opernkomponisten hielt. Und Opern waren ohnehin nicht Brahms' Metier.
Eine völlig neue Sicht, die bis heute bestimmend ist, entwarf Arnold Schönberg, als er 1933 und 1947 (völlig überarbeitet), anlässlich des 50. Todestages, einen bahnbrechenden Aufsatz schrieb: Brahms, der Fortschrittliche. Dieser habe u.a. durch "Asymmetrie, Kombinationen von Phrasen verschiedener Länge, (...) ungerade Taktzahlen (...)" den "Fortschritt in Richtung auf eine uneingeschränkte musikalische Sprache" eingeleitet.
Johannes Brahms widmete sich sämtlichen Musikgattungen. Populär wurde seine Kammermusik in den verschiedensten Ausformungen: Streichquartette, -quintette, -sextette, Klaviertrios, -quartette, ein -Quintett, ein Klarinettenquintett. Seine Werke für Klavier solo wurden auch durch die Interpretation des US-Pianisten Julius Katchen legendär. Von seinen Chorwerken ist wohl Ein deutsches Requiem das bekannteste. Zu nennen sind weiters zwei Klavierkonzerte, ein Violinkonzert, ein Doppelkonzert für Violine und Violoncello. Die Quartettliederzyklen mit Klavier Zigeunerlieder, Liebesliederwalzer gehören wie weltliche und geistliche a cappella-Chöre zum Standardrepertoire der Liedsänger. Angeblich aus Scheu vor dem bewunderten Beethoven veröffentlichte er erst 1876 als 43jähriger nach jahrelanger Arbeit seine erste Symphoniie. Ihr sollten noch drei weitere folgen. Seine vierte Symphonie schrieb er in Mürzzuschlag am Semmering (Steiermark), wo er 1884/85 in den Sommermonaten hart arbeitete. Heute befindet sich hier (A-8680 Mürzzuschlag, Wiener Strasse 4, Tel./Fax ++43/3852/3434) ein weltweit einzigartiges Johannes-Brahms-Museum, in dem auch Konzerte zu hören sind.
Johannes Brahms, dessen Beitrag zur "entwickelnden Variation" (Schönberg) Musikwissenschaftler als wesentliche Leistung ansehen, wurde in den achtziger Jahren immer mehr zu einer Künstlerpersönlichkeit, die Wien ihr Kolorit gab. Zahlreich wurden die Ehrungen und Orden; diese trug er nie, sondern legte sie in eine seiner Zigarrenschachteln. Mit der unvermeidlichen Zigarre zwischen den Lippen zeigt eine Schattenriss-Karikatur den kleinen, wuchtigen Mann in zu kurzen ,Hosenbeinen: "Brahms auf dem Weg zum Roten Igel", seinem bevorzugten Wiener Wirtshaus. Hier versuchte er seine Einsamkeit zu vergessen, die ihn nach dem Tod von Clara Schumann (1896) bedrückte.
Am 3. April 1 897 ist Johannes Brahms in Wien gestorben. Auf dem Wiener Zentralfriedhof wurde er bestattet - nahe der Gräber Ludwig van Beethovens und Franz Schuberts. Auf den Schiffen im Hamburger Hafen zogen die Matrosen die Flaggen auf halbmast zum Zeichen der Trauer. Sie ehrten einen grossen kosmopolitischen Komponisten, der immer auch ein Musikant geblieben ist.
Bundeskanzleramt, Bundespressedienst, Wien 1997 - 99
Einige seiner Werke
| Symphony 1-4 | |
| Piano Concertos 1 & 2 | |
| Violin Concerto | |
| Ein Deutsches Requiem | |
| Double Concerto for violin and cello | |
| String Sextets No.1 in B flat; No.2 in G | |
| Piano Quartets No1. in G minor, No.2 in A; No.3 in C minor | |
| Piano Quintet | |
| Clarinett Quintet | |
| Violin Sonatas Nos.1-3 | |
| Song of Destiny |
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