Ein Deutsches Requiem
von Johannes Brahms
Chronologie und Konzept
von John Daly GoodwinDie Details rund um das Konzept und die Chronologie von Brahms' Ein Deutsches Requiem, Opus 45, sind unklar. Brahms hinterliess keine Aufzeichnungen der Komposition, ausser gelegentlichen Referenzen in seiner Korrespondenz gegen Ende der ursprünglichen Kompositionsarbeit (ohne Satz fünf) in 1866. Die Tatsache dass dies das grösste einzelne Werk von Brahms war, welches von der ersten Aufführung an seinen Ruf als Komponist begründet hatte, gab es immer wieder Spekulationen was Brahms wohl dazu inspiriert hatte, eine so persönliche und kraftvolle Aussage betreffend Tod, Trauer und Trost zu machen. Bald nach der ersten Aufführung von Ein Deutsches Requiem war man sich weitgehend einig, dass Brahms das ganze Werk im Andenken an seine Mutter schrieb, welche am 2. Februar 1865 verstorben war. Carla Schumann (1819-1896) äusserte sich: "Wir alle denken, dass er es in ihrem Andenken schrieb, obwohl er es nie ausdrücklich sagte ..." Joseph Joachim (1831-1907) sagte: "Nie hat es aus unsterblicher Liebe ein nobleres Denkmal gegeben."
Wie auch immer, es scheint, dass Brahms die Komposition eines Requiems lange vor 1865 in Erwägung gezogen und geplant hatte. Diese Theorie wird unterstützt durch das Erscheinen des vollständigen Textes von ein Ein Deutsches Requiem (ohne Satz fünf) in Brahms' Handschrift auf der Rückseite der Magelonlieder komponiert im Jahre 1861. Beinhaltet mit dem Text sind Hinweise auf die Zeit und und Tonartbezeichnung für die Sätze eins und zwei, welche vermuten lassen, dass er für diese zwei Sätze im Jahre 1861 bereits klare Vorstellungen hatte. Tatsächlich, die Musik, die Satz zwei des Requiem eröffnet, basiert auf dem zweiten Satz einer Sonate für zwei Pianos, welche Brahms 1854 schrieb, jedoch nicht veröffentlichte. Der erste Satz des Requiem entstand vermutlich im selben Jahr wie der zweite.
Im Januar 1860, ging Brahms nach Hannover und stoppte die Arbeit am Requiem, vermutlich weil er sich nicht bereit fühlte, ein Werk in dieser Dimension zu vollenden. Während der nächsten paar Jahre komponierte Brahms mehrere kleinere Chorwerke, u.a. Begräbnisgesang, Marienlieder, Op. 22 (1862) und Geistliches Lied, Op. 30 (1864). Diese kleinere Werke mögen - zumindest teilweise - als Vorbereitung für die weitere Komposition des Requiem gedient haben. Im Januar 1866 ging Brahms nach Karlsruhe, wo er die Arbeit am Requiem wieder aufnahm, vermutlich wegen des Todes seiner Mutter ein Jahr vorher. Es wird angenommen, dass Brahms den vierten Satz fertig stellte, während er in Karlsruhe war. Zwischen Mai und August 1866 arbeitete Brahms an den Sätzen drei, sechs und sieben. In dieser Zeit bereiste er die Schweiz und verbrauchte auf der Suche nach dem berühmt-berüchtigten Orgelpunkt Fugue (des dritten Satzes) unzählige Schuhsohlen, wie er seinen Freunden anvertraute.
Die Originalfassung des sechsteiligen Requiem vollendete Brahms nach seiner Ankunft in Baden-Baden am 17. August 1866 (vermerkt auf dem Manuskript: "Baden-Baden im Sommer, 1866).) Weihnachten 1866 vollendete Brahms eine Piano/Gesangs Partitur des sechsteiligen Ein Deutsches Requiem, welche er Carla Schumann schenkte. Nach dem Zusatz des fünften Satzes im Jahre 1868 wurde das vollständige Ein Deutsches Requiem zwischen Oktober 1868 und Februar 1869 von J.M. Reiter-Biedermann veröffentlicht. Die unterzeichnete Kopie der vollständigen Noten überliess Brahms 1893 der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.
Die erste öffentliche Aufführung aller Sätze von Ein Deutsches Requiem fand am 1. Dezember 1867 anlässlich eines Konzertes im Andenken an Schubert statt, veranstaltet von der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Die ersten drei Sätze wurden von Johann Herbeck dirigiert. Die erste Aufführung der Originalfassung, dirigiert von Brahms, fand am Karfreitag, 10. April 1868 in der Kathedrale von Bremen statt. Vor diesem Konzert schrieb Karl Reinthaler, Bremener Dirigent und Organisator des Konzertes) an Brahms:
"Für eine Vorstellung hier erachte ich einzig die Kathedrale als gut genug. Ich habe Ihr Requiem mit diesem Gedanken im Kopf durchgesehen. Vergeben Sie mir, aber ich habe mich gefragt, ob nicht die Möglichkeit bestehe, das Werk auf eine Weise zu erweitern, damit es dem Karfreitags-Gottesdienst etwas mehr entspräche. ... Was ich vermisse, zumindest im christlichen Denken, ist der Angelpunkt: Die Erlösung im Tod unseres Herrn ... Nun es wäre einfach, eine geeignete Stelle zu finden, vielleicht in der Nähe von "Oh Tod wo ist Deine Qual", entweder nur innerhalb des Satzes, vor dem Fugue oder durch Einschieben eines neuen Satzes."Brahms lehnte diese Anregung ab, sodass Amalie Joachim in dieser Vorstellung "Ich weiss, dass mein Erlöser lebte" aus Messias sang, um die Ansprüche der Kirche an das Thema der Wiederauferstehung zu befriedigen. Eine zweite Bremer Vorstellung fand drei Wochen später unter der Leitung von Reinthaler statt und es war nach dieser Vorstellung, dass Brahms den fünften Satz Ihr habt nun Traurigkeit mit dem Sopran-Solo hinzufügte. Die Tatsache, dass Brahms vollständiges Ein Deutsches Requiem in drei Etappen über mehr als zehn Jahre hinweg schrieb, zeigt, dass das Werk nicht als Reaktion auf ein einziges Ereignis entstand; es scheint eher das ausgeprägteste Beispiel einer Beschäftigung mit dem Tod, Schicksal und menschlichen Beziehungen zu Gott, welche seine Werke des Begräbnisgesang (1861) zu den Vier Ernsten Gesängen (1896). Reinthaler hatte recht mit der Bemerkung, das "Ein Deutsches Requiem" den Christlichen Glaubensgedanken nicht sehr unterstützte; es war jedoch nicht Brahms' Absicht, ein liturgisches oder speziell religiöses Werk zu schreiben. Als sehr nachdenklicher Mensch und guter Kenner der Bibel, stellte Brahms sein "Libretto" aus den sechzehn Kapitel der zehn Bücher des Alten und Neuen Testaments und der Apokryphe zusammen, immer mit einem Auge auf die universelle Erfahrung mit dem Tod, der Trauer und dem Trost. Brahms ersetzt die Schrecken der traditionellen Lateinischen Requiem Texte, vorgegeben von Mozart, Verdi, Berlioz usw., durch seine eigene, optimistische spirituelle Interpretation der menschlichen Erfahrung.
Der Text erreicht diese von uns, die zurückgelassen wurden, umfasst die sprichwörtliche Weisheit betreffend die Natur des Lebens, welche da ist, die Sicherheit, dass dem Leid unabänderlich der Trost folgt, dass Zeiten des Leids letzten Endes Zeiten der Freude Platz machen. Diese elementare Vorhersage findet man in der Literatur der meisten Religionen und Brahms' Partituren enthüllen eine Arbeit, der sich niemand auf Armeslänge zu nähern braucht, ungeachtet der kirchlichen Gesinnung.