Die Nelson-Messe (Missa in angustiis)

Seit jeher gibt es die Möglichkeit, dass die Musik das Zeitgeschehen kommentiert. Mit Haydns Nelsonmesse und Berlioz' Requiem, den beiden Eckpfeilern unseres Saisonprogramms, wird dies in einer Zeitspanne eines knappen halben Jahrhunderts auf zwei verschiedene Arten eindrücklich illustriert. In Haydns "Missa in angustiis", der Messe in der Zeit der Bedrängnis (äussere politische Unstabilität oder innere Bedrängnis des alternden Haydn?), die noch zu Lebzeiten Haydns auf Nelsons Sieg bei Abukir über Napoleon umgemünzt wurde, wird mit äusseren Mitteln auf die innere Bedrängnis Bezug genommen. Nicht nur, dass es die einzige Messe ist, die in wesentlichen Teilen des Anfangs in der moll-Tonart erscheint, sondern auch in der Instrumentierung von drei Trompeten mit Pauken zeigt sich diese Absicht des zeichenhaften Umsetzens von geistlichem Kommentar zu einer im weitesten Sinne kriegerischen Zeit. Ursprünglich war die Besetzung beschränkt auf drei Trompeten, Orgel und Streicher, da Fürst Nikolaus II. von Esterhazy aus Geldgründen die Holzbläser entlassen hatte. Später wurde auf Haydns Anraten die Orgel mit Holzbläsern ergänzt, in einer anderen Fassung sogar weggelassen und durch den Bläsersatz ersetzt. Für unsere Aufführung haben wir die mittlere Fassung ohne Klarinetten und Hörner gewählt, aber mit Flöte, Oboen und Fagott in Ergänzung zu den drei Trompeten und Pauken. (thb)

Aeusserer Anlass zur Entstehung der dritten der sechs späten Messen Haydns war wiederum der Namenstag seiner Gönnerin, der Fürstin Maria Josepha Hermenegild Esterhazy, Gattin des Fürsten Nikolaus II, dem Dienstherrn des Komponisten. Das verlässlichste Datum für die Uraufführung vernimmt man aus dem Tagebuch des Esterhazyschen Sekretärs Rosenbaum, der sich am 23. September 1798 eine neue Messe in der Eisenstädter Bergkirche angehört hat. Sie ist noch immer die populärste Messe Haydns, wurde in 53 Tagen komponiert und überrascht durch eine Fülle von neuen Einfällen und dies nach seinem eben erst beendeten Meisterwerk "die Schöpfung". Die nicht für die Oeffentlichkeit bestimmte Bezeichnung in Haydns "Entwurf-Katalog" mit "Missa in Angustiis" sagt mehr aus über den Charakter des Werkes als die populäre Bezeichnung "Nelson-Messe". Sie wurde in Zeiten von Angst und Bedrängnis - in einer beschränkten Zeit - geschrieben. "Angustiis" könnte auch "in kurzer Zeit komponiert" bedeuten. Was es auch immer heisst, der Anfang der Messe mit den drohenden Trompeten in den tiefsten Registern ist eine von Haydns verblüffenden Neuerungen.

Ursprünglich war die Besetzung beschränkt auf drei Trompeten, Orgel und Streicher, da Fürst Nikolaus II. von Esterhazy aus Geldgründen die Holzbläser entlassen hatte. Obwohl im November 1799 wieder Bläser angestellt wurden und Haydn 1800 keine Messe für Eisenstadt schreiben musste, liess er die Orchestrierung, wie er sie geschrieben hatte. Als jedoch Breitkopf und Härtel die Publikation der Haydn-Messen planten, liess er die Verleger 1802 über den authentischen Biographen G.A. Griesinger wissen, dass er ihnen rate, "alles was in der Orgelstimme als obligat vorkommt, auf die Holzblasinstrumente zu übertragen und es so drucken zu lassen".

Im Credo, das im Autograph den Untertitel "in Canone" enthält, bringt Haydn eine alte barocke Kontrapunktform wieder zum Leben. Der erste Teil des Credos ist ein Kanon zwischen Sopran und Tenor einerseits und Alt und Bass anderseits, im Abstand von einem Takt und in einer Quinte. Das macht den Kanon viel interessanter, als wenn er in der konventionellen Art Sopran-Alt gegen Tenor-Bass geschrieben worden wäre. Die melodische Wendung dieses Kanons weist etwas streng Gregorianisches auf. Dies gilt auch für das Gloria, das eine Aehnlichkeit mit der Intonation des Gloria des Brixen Gesangbuchs aufweist. Am Ende seines Lebens hat Haydn sogar in seinem Te Deum eine gregorianische Melodie eingeführt. Das Faszinierende an Haydns später Choralmusik ist das reibungslose Zusammengehen von alten Traditionen mit neueren musikalischen Ideen: Barock-Kanons, Fugen und gregorianischer Gesang mit den Orchestermethoden der Jahrhundertwende und der durch die Wiener klassischen Meister perfektionierten sinfonischen Form.

"Et incarnatus" ist einer der schönsten langsamen Sätze, die Haydn je schrieb. Der Solosopran beginnt in der grossen Belcanto-Tradition und wird dann von den Chorstimmen abgelöst. Nach diesem Lobgesang auf die Jungfrau Maria, führen die Worte "Crucifixus etiam pro nobis" ein in den überraschendsten Teil der Messe: die Rückkehr der Fanfaren aus dem Kyrie. Das "Sepultus est" singt der Chor "staccato" - erneut eine Erfindung des alten Komponisten - begleitet von den tiefen Streichern in ihren untersten Registern.

Das "Et resurrexit" beginnt in b-moll und geht beim "judicare" mit Trompeten und Schlagzeug mit Pomp und Feierlichkeit in D-Dur über. In den dogmatischen Teilen singt der Chor in Oktaven (et in spiritum sanctum, Dominum, et vivificantem, qui cum Patre et Filio und et unam sanctam catholicam et apostolicam ecclesiam). Haydn kannte den Messetext sicher auswendig, aber hie und da entfiel ihm ein Teil des langen Dogmas, in der Nelson Messe ist es im Credo "et in unum Dominum Jesum Christum filium Dei unigenitum" und "qui ex Patre Filioque procedit" .

Der Anfang des Sanctus, der an das Chaos zu Beginn der "Schöpfung" erinnert, bringt einen weiteren Einfall Haydns. In der Mitte des ersten Taktes setzen Trompeten und Schlagzeug als Klangfarbenakzent mit einem einzigen Schlag "staccato" ein und lassen damit den Anfangsakzent von Chor, Streicher und Continuo räumlich nachhallen. Das Ganze ergibt einen sonderbar mysteriösen Klang.

Während Haydn das "Benedictus" schrieb, erhielt er von seinem Fürsten Esterhazy die Nachricht, ein Kurier sei mit der Nachricht angekommen, Nelson habe vom 1. bis 3. August bei Abukir die Franzosen geschlagen und die französische Flotte vernichtet. Haydn hätte die Idee des blasenden Kuriers nicht mehr aus seiner Phantasie verdrängen können, und da die Idee seines Benedictus mit jener so verwandt gewesen, habe er die obligate Trompete - drei Trompeten im Einklang - "dazu gesetzt" (aus dem Tagebuch eines Reisenden).

Durch die Blechbläserklänge erhält das in d-moll geschriebene Benedictus einen besonders eindringlichen Charakter. Der durch Pausen unterbrochene Marschrhythmus ruft ein Gefühl von Unbehagen hervor. Dank der Wiederholung des leicht fugierten "Osanna" aus dem Sanctus endet das Benedictus freudig und jubilierend in D-Dur.

Das Agnus Dei beginnt mit einem durch die Streicher begleiteten Alt-Solo, dem sich die andern Solostimmen anschliessen. Eine mächtige, reich instrumentierte Fuge bildet den Schlussteil dieser Messe, das Dona nobis pacem. (thb - MA)

Text der Messe         Joseph Haydn

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